Donnerstag, 10. März 2011

Robert Enke: Anruf von Alex Bade

Im Herbst 2009 klingelte das Handy von Robert Enke. FC-Torwartrainer Alex Bade fragte den 96-Keeper ob, er sich vorstellen könne, in der Saison 2010/2011 zum FC zu wechseln. Enke war zu dem Zeitpunkt bereits schwer depressiv, sagte etwas wie "ich weiß noch nicht, was ich mache". Das Gespräch war schnell beendet.

Die Szene steht auf Seite 411 der Biographie über das Leben von Robert Enke. Das Buch habe ich mir auch deshalb gekauft, weil der Autor Ronald Reng heißt. Der Verfasser des Traumhüters ist mir als Fußball-Erzähler in vorzüglicher Erinnerung.

Ganz am Ende, auf Seite 406, zehn Tage vor Enkes Tod, verlagert sich der Mittelpunkt ins Kölner Stadion. Robert Enke war im Oktober 2009 aufgrund seiner Depressionen ausgefallen, offiziell wegen einer rätselhaften Virusinfektion. Das Auswärtsspiel beim 1. FC Köln war sein erstes Spiel seit mehreren Wochen. Auf der Tribüne saß seine Frau, trank ein Glas Sekt, um sich zu beruhigen, bangte in Angst vor einem Fehler ihres Mannes, weinte nach dem Spiel und erntete ungläubige Blicke der VIP-Gäste.

Aus eigener Erinnerung weiß ich, dass die Südkurve ihn zur 2. Halbzeit mit "Enke für Deutschland"-Rufen begrüßte, was er ohne äußerliche Regung hinnahm. Hannover siegte 1:0 gegen destruktive Kölner. Da steht jemand vor 45000 Zuschauern, atmet schwer, vollgepumpt mit Antidepressiva, und niemand merkt, was los ist.

Immer wieder ist Köln aufgrund des Wohnorts seines Beraters ein tragischer Schauplatz des Buches. Einmal fährt Enke ziellos durch Köln, hält Ausschau nach einem guten Platz, um sich umzubringen. Sätze, bei denen man während der Lektüre erstmal schlucken muss.

Nebenbei erfährt der Leser auf fast jeder Seite interessante Randerscheinungen aus der Fußballwelt: Timo Hildebrand etwa beendete das Gespräch mit Andy Köpke nach nur einer Minute, als der ihm sagte, dass er bei der EM 2008 nicht dabei ist.


Nicht zuletzt wird das Leben eines Menschen nachgezeichnet, der für den Fußball gelebt hat. Und der daran zerbrochen ist. Das alles im stets richtigen Ton, authentisch und so beschrieben, dass man dieses Buch zu keinem Zeitpunkt aus der Hand legen möchte.

Lesenswert!


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