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Sonntag, 5. Juni 2011

Beispiel für guten Fußball-Journalismus

Es ist schwer, guten Fußball-Journalismus abseits des Tages-Geschehens zu machen (und vor allem zu finanzieren). Eine qualitative Konstante ist das 11 Freunde Magazin. Die Zeitschrift hat sich einen exzellenten Ruf erarbeitet. Als Wohnzimmerproduktion gestartet, hat sie im ersten Quartal dieses Jahres 28800 Abonnennten und 75000 verkaufte Auflage (Druckauflage: 154000), im April 2011 generierte die Homepage 877000 Visits.
Ich teile die Auffassung nicht bei jedem Heft. Es gab Zeiten, da wanderten meine Ausgaben fast ungelesen in die Schublade. Meine kritischen Leserbriefe wurden nie abgedruckt, meine lobenden sehr wohl.

Die Titelgeschichte der Juni-Ausgabe aber ist ein gutes Beispiel, wie man heute gut erzählt, den Leser begeistert und bindet. Vor allem, dass man dem Leser etwas zu erzählen hat, dass man nicht rumschwallt, nichts altbackenes aufwärmt, sondern sich selber Gedanken macht, vor Ort ist, recherchiert, notiert und einschätzt. 

Es geht um Hertha BSC, Michael Preetz und die 2. Liga. Eigentlich total öde. Hertha finde ich so interessant wie Basketball in der 2. Liga. Doch die Themen-Idee war ganz simpel: Autor Tim Jürgens begleitete Markus Babbel, Sport-Geschäftsführer von Hertha BSC durch das Jahr in der 2. Bundesliga. Herausgekommen ist eine Reportage mit vielen Innenansichten des Klubs und Michael Preetz. Zugegeben, die Idee ist nicht neu. Vor einem Jahr begleitete das Magazin RW Oberhausen über die ganze Saison.

Wenn eine Zeitschrift, die 5,5 Euro kostet mich dazu bringen will, dass ich sie lese, dann muss sie mir etwas mitzuteilen haben, meine Aufmerksamkeit im digitalen Wirrwarr gewinnen, mich dazu bringen, all das um mich herum dann zu vergessen.

Sie muss hintergründig sein. Sie sollte exklusive Informationen haben und nicht von Google, anderen Kollegen und einer ins blaue reichenden Einschätzung zusammengeschrieben sein (wie es oft der Fall ist). Ich will die ewigen Phrasen und Klischees nicht zum x-ten Mal verstärkt wissen, ich will meine Zeit nicht damit verschwenden, nichtssagende Quatsch-Aussagen von Spielern oder Funktionären zu lesen, denn die langweilen mich schon im Fernsehen vor und nach jedem Spiel. 


Die Texte sollten gut geschrieben sein. Ich will eintauchen in den Text, Kopfkino, Bilder vor mir haben. Und ich will etwas erfahren, was ich nicht im Internet oder sonstwo finde, etwas, was ich noch nicht kenne. Etwas, das sich abhebt, aus diesem großen Durcheinander heraussticht. 

Wenn einer einen guten Text schreiben will, muss er sich quälen, muss er viel investieren. Der Autor saß in einem Oberhausener Hotel bis zum Ende bei der Aufstiegsfeier, war offenbar beim Auswärtsspiel beim KSC nahe der Kabine und auch im Trainingslager oft im Gespräch mit Geschäftsführer und Präsident.

Die Titelgeschichte der aktuellen 11 Freunde Ausgabe bietet viele Aspekte einer guten Geschichte. Ein dezenter Blick hinter die Kulissen, der so viel erzählt, dass es richtig spannend ist und doch so wenig, dass der Klub nicht nackig dasteht. Gut recherchiert, keine Kopfgeburt, mit Geduld und langem Atem das Thema angegangen und sich intensiv mit den Leuten auseinandergesetzt, was viel Energie voraussetzt.

11 Freunde bietet im Juni Heft ein gutes Beispiel, wie man heute mit guten Geschichten trotz der eigentlich übermächtigen Konkurrenz in Internet und Tageszeitung einen Mehrwert schaffen kann. Für das Blatt eine beruhigende Erkenntnis. Für den Leser erfreulich. 

Montag, 14. März 2011

Doku-Film über Thomas Broich

Und noch so ein vielversprechender Film, der jetzt erschienen ist und deren Ankündigung ich zufällig entdeckt habe (ok, mittlerweile gibt's ja diverse Verweise)

Für "Tom Meets Zizou - Kein Sommermärchen" hat Aljoscha Pause die Karriere von Thomas Broich von 2003 bis 2011 begleitet - was ja allein im Fußballgeschäft ja schon ein unfassbar langer Zeitraum ist.

Broich und Pause vereinbarten keine Interviews, sondern ungefilterte freundschaftliche Gespräche zu führen. In der Vorstellung heißt es weiter: "Daraus ergaben sich im Laufe der Dreharbeiten sehr intime und verblüffend ehrliche Einblicke. In das Seelenleben des Protagonisten und das Wesen der Fußballwelt."

Seine Premiere hat der Film am 25.März beim 11-mm Filmfestival. Ein paar Tage später läuft der Film auch in Mönchengladbach, später kommt das Festival nach Leverkusen. Leider nicht nach Köln. Einen Trailer bei Youtube habe ich spontan nicht gefunden.

Bleiben für mich die Fragen: Wie und wo kann ich den Film in Köln sehen? Läuft der Film in absehbarer Zeit im TV? Oder gibt es eine DVD?

(Nachtrag: Danke Aljoscha Pause für die schnelle Antwort im Kommentar, Nachtrag2: Gestern, 26.03., war Thomas Broich im Sportstudio zu Gast, hier der Auftritt, am Abend zuvor war Premiere für den Film, der mittlerweile eine bemerkenswerte mediale Aufmerksamkeit genießt, siehe hier, hier, hier oder hier.)


Sonntag, 13. März 2011

Doku-Film: Hauptsache Fußball

Ein kleiner Hinweis auf einen vielleicht interessanten Fußballfilm abseits des Mainstreams. Am 25. März erscheint eine DVD (17,90 Euro) mit dem Titel "Hauptsache Fußball".

Laut Homepage soll der Film einen Einblick in den Alltag junger Fußballprofis vermitteln, die zwischen allen möglichen Welten stehen, die Welt hinter der glänzenden Fassade dokumentieren. "Ein Film auch über die Suche nach Transparenz und Versuche der Annäherung an eine sich inzwischen der abschottende Branche", heißt es weiter auf der Seite.

Ich finde, die Mischung der Akteure klingt zumindest vielversprechend: Junge Spieler, gestandene Manager, Spielerberater und bekannte Journalisten. Hier könnt ihr den Trailer sehen.

Danke für den Hinweis an Catenaccio und Stadionwurst.


Donnerstag, 10. März 2011

Robert Enke: Anruf von Alex Bade

Im Herbst 2009 klingelte das Handy von Robert Enke. FC-Torwartrainer Alex Bade fragte den 96-Keeper ob, er sich vorstellen könne, in der Saison 2010/2011 zum FC zu wechseln. Enke war zu dem Zeitpunkt bereits schwer depressiv, sagte etwas wie "ich weiß noch nicht, was ich mache". Das Gespräch war schnell beendet.

Die Szene steht auf Seite 411 der Biographie über das Leben von Robert Enke. Das Buch habe ich mir auch deshalb gekauft, weil der Autor Ronald Reng heißt. Der Verfasser des Traumhüters ist mir als Fußball-Erzähler in vorzüglicher Erinnerung.

Ganz am Ende, auf Seite 406, zehn Tage vor Enkes Tod, verlagert sich der Mittelpunkt ins Kölner Stadion. Robert Enke war im Oktober 2009 aufgrund seiner Depressionen ausgefallen, offiziell wegen einer rätselhaften Virusinfektion. Das Auswärtsspiel beim 1. FC Köln war sein erstes Spiel seit mehreren Wochen. Auf der Tribüne saß seine Frau, trank ein Glas Sekt, um sich zu beruhigen, bangte in Angst vor einem Fehler ihres Mannes, weinte nach dem Spiel und erntete ungläubige Blicke der VIP-Gäste.

Aus eigener Erinnerung weiß ich, dass die Südkurve ihn zur 2. Halbzeit mit "Enke für Deutschland"-Rufen begrüßte, was er ohne äußerliche Regung hinnahm. Hannover siegte 1:0 gegen destruktive Kölner. Da steht jemand vor 45000 Zuschauern, atmet schwer, vollgepumpt mit Antidepressiva, und niemand merkt, was los ist.

Immer wieder ist Köln aufgrund des Wohnorts seines Beraters ein tragischer Schauplatz des Buches. Einmal fährt Enke ziellos durch Köln, hält Ausschau nach einem guten Platz, um sich umzubringen. Sätze, bei denen man während der Lektüre erstmal schlucken muss.

Nebenbei erfährt der Leser auf fast jeder Seite interessante Randerscheinungen aus der Fußballwelt: Timo Hildebrand etwa beendete das Gespräch mit Andy Köpke nach nur einer Minute, als der ihm sagte, dass er bei der EM 2008 nicht dabei ist.


Nicht zuletzt wird das Leben eines Menschen nachgezeichnet, der für den Fußball gelebt hat. Und der daran zerbrochen ist. Das alles im stets richtigen Ton, authentisch und so beschrieben, dass man dieses Buch zu keinem Zeitpunkt aus der Hand legen möchte.

Lesenswert!


Dienstag, 17. August 2010

Die inoffizielle Facebook Fantabelle


Gut geführte Facebook-Seiten eignen sich wunderbar, das kratzbürstige Vereinsimage aufzupolieren. Modern, offen für den Dialog und am Puls der Zeit - so können sich die Klubs im sozialen Netzwerk präsentieren. Mittlerweile haben viele Bundeslisten diese Chance erkannt, zumal sie völlig kostenlos ist und riesigen Zulauf garantiert. Besonders praktisch für die Vereine: Im Gegensatz zu den etablierten Fan-Foren, können sie die Themen per Pinnwand vorgeben. Blöd wird's nur, wenn die Kommentare der User nicht zu den verklärten Vereinswahrheiten passen wollen.


So gesehen müsste man dem FC ein Kompliment machen. Erst im April ging die FC-Facebook-Seite online - derzeit hat der Klub die drittmeisten "Fans" aller Bundesligisten. Das wiederum bestätigt ja eigentlich nur, was wir schon immer wussten: Köln gehört in die Champions League!

Derzeit verläuft die Entwicklung der Bundesligaseiten bei Facebook hochdynamisch und wahrscheinlich ist die von uns erstellte Tabelle erst in einem Jahr aussagekräftiger. Trotzdem ist's interessant zu sehen, wer die virtuelle Entwicklung zu nutzen weiß, und wer sie bislang verpennt hat. Bei einigen Seiten konnten wir nicht exakt feststellen, ob sie vom Verein oder von Fans angemeldet wurden. Jeder Hinweis, die Tabelle zu vervollständigen ist daher sehr willkommen!

Die inoffizielle Facebook-Fantabelle
(Stand 17. August 2010)

1.
Bayern München 141017 (offiziell)
2. VFB Stuttgart 74129 (offiziell)
3. 1. FC Köln 52812 (offiziell)
4. Eintracht Frankfurt 47705 (nicht bestätigt)
5. Hamburger SV 47355 (offiziell)
6. Werder Bremen 34025 (nicht bestätigt)
7. FC St. Pauli 30543 (nicht bestätigt)
8. FC Schalke 04 23248 (nicht bestätigt)
9. 1. FC Nürnberg 18457 (offiziell)
10. 1. FC Kaiserslautern 18220 (offiziell)
11. Hannover 96 13193 (offiziell)
12. Borussia Mönchengladbach 12794 (offiziell)
13. VFL Wolfsburg 8309 (Sportmannschaft und Verein zusammengezählt)
14. Bayer 04 Leverkusen 7557 (nicht bestätigt)
15. 1. FSV Mainz 05 4856 (Fanseite)
16. SC Freiburg 4295 (inoffiziell)
17. TSG Hoffenheim 3915 (nicht bestätigt)
18. Borussia Dortmund 1379 (offiziell)

Samstag, 13. März 2010

Die edlen Rebellen

Profis aus der kühlen Londoner Finanzwelt arbeiten gerade an ihrer eigenen Robin-Hood-Geschichte. Sie nennen sich Red Knights, Rote Ritter, sind gut vernetzt und teilen die Leidenschaft für Manchester United. Die Gruppe hat sich zusammengetan, um den Verein zu übernehmen. Im Raum stehen 1,2 Milliarden Pfund. Das alles berichtete die FAZ diese Woche in seiner Printausgabe.

Wer steckt hinter den Red Knights? Jim O'Neill, Chefvolkswirt der Investment Bank Goldman Sachs, Paul Marshall, Hegde-Fond Manager, Keith Harris, Investmentbanker. Die Herren, vom Namen nach kalter, profitorientierter Finanzwelt klingend, scheinen tatsächlich ehrenhafte Motive zu verfolgen. Und von den drei Beispielen ist das erste besonders pikant.

Die Roten Ritter werfen der Unternehmerfamilie Glazer, die ManU vor fünf Jahren übernommen hat, vor, den Klub finanziell auszusaugen. Die damalige Übernahme wurde mit Krediten finanziert, deren Zinsen nun den Gewinn zerbröseln. Ein weiterer Vorwurf der Red Knights: Der Besitzer soll Gelder in Form von völlig überhöhten Managementgebühren abgezweigt haben. ManU hat rund 800 Millionen Euro Schulden.

Aber der Fall ist noch kurioser. Goldman Sachs war noch im Januar an einer ManU-Anleihe über 550 Millionen Euro beteiligt (also 100 Mal höher als die damalige FC-Anleihe), die auf den Markt gebracht wurde. Die FAZ beschreibt das so: "Während also sein Arbeitgeber an der Schuldenspirale von Manchester United mitverdient, macht O'Neill genau dagegen öffentlich Front."

Die Glazers wiederum sollen sich daraufhin persönlich beim Goldman Sachs Chef über das Treiben des Chefvolkswirts beschwert haben. O'Neill widerum betont, das sei seine Privatsache, habe nichts mit seinem Job zu tun. Zur Anleihe zitiert ihn die FAZ: "Ich werde diese Anleihe nicht kaufen." Offiziell hat die Glazer-Familie bislang ausrichten lassen, der Verein stehe nicht zum Verkauf.

Hinter Real Madrid und Barcelona ist Manchester United der Verein mit dem drittgrößten Umsatz in Europa.